/

 

 

Ist der freie Sonntag doch nicht so christlich?

Auf dieser Seite möchte ich Ihnen zeigen, das der freie Sonntag nicht vom Himmel gefallen ist, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher und gewerkschaftlicher Kämpfe ist. In diesen Kämpfen wird natürlich auch juristisch gekämpft und deshalb gehe ich darauf auch ein.

im 19. Jahrhundert war der Sonntag in Deutschland ein normaler Arbeitstag. Mit der Industrialisierung wuchsen die Städte sprunghaft. Die neue Bevölkerung musste versorgt werden. Die Versorgung erfolgte meist durch kleine Geschäfte, die von den Inhabern geführt waren und allenfalls wenige Mitarbeiter hatten. In Berlin waren beispielsweise die Lebensmittelmärkte also die Kolonialwarenläden sonntags von 06:00 Uhr bis 23:00 Uhr geöffnet.

Mit der sonntäglichen Arbeitszeit unterschied sich Deutschland durchaus von anderen Ländern wie zum Beispiel England, bei der der Sonntag schon Anfang des 19. Jahrhunderts vielfach ein arbeitsfreier Tag war. Deutschland wollte den Vorsprung durch Technik Englands durch die Mittel aufholen, wie man sie heute bei den Konkurrenten auf dem Weltmarkt in China oder Indien kennt: Mit einer gnadenlosen Ausbeutung der eigenen Arbeiter, unendlichen Arbeitszeiten und niedrigsten Löhnen gepaart mit jeder Menge Patentklau. Wir erinnern uns: Zur Kennzeichnung deutscher Nachmacherprodukte wurde in England die Bezeichnung "Made in Germany" geführt.

Diese Verhältnisse riefen die Arbeitnehmerbewegung auf den Plan, Gewerkschaften entstanden und auch eine politische Partei, die SPD, damals hieß sie noch Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands. Ihr erstes Programm, das Gothaer Programm von 1875 stellte Forderungen auf, die in der künftigen Gesellschaft dem Sozialismus zu verwirklichen waren und acht Forderungen, die schon in der heutigen Gesellschaft zu verwirklichen waren. Welche Bedeutung der Kampf für den arbeitsfreien Sonntag hatte, kann man daran erkennen, dass eine dieser acht Forderungen das Verbot der Sonntagsarbeit war.

Im Reichstag wurden alle diese Forderungen nach gesetzlichen Schutzvorschriften für die Sonntagsarbeit abgelehnt. Größter Gegner dieser Sonntagsarbeit war der damalige Reichskanzler Bismarck. Er beklagte in den Reichstagsdebatten den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der ausländischen englischen Industrie, nannte Schutzvorschriften für Beschäftigte, Arbeiterzwang und es wird manchen bekannt vorkommen, solche Vorschriften als eine Bevormundung der Arbeiter angesehen. Hier ein Zitat aus einer Reichstagsdebatte zu einem Gesetzentwurf, das das Verbot der Sonntagsarbeit zum Ziel hatte:

TEIXT aus FOLIE (4) einfügen

Erst nach der Entlassung Bismarcks als Reichskanzler, das war 1890, gab es durch kaiserliches Dekret Regelungen zur Einschränkung der Sonntagsarbeit. Im Handel wurde die Sonntagsarbeit begrenzt auf fünf Stunden, allerdings gab es davon eine ganze Menge Ausnahmen. Der Sonntag war also nach wie vor ein normaler Arbeitstag, allerdings wurde die Sonntagsarbeit teilweise begrenzt.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden erstmals größere Kaufhäuser, die quasi Tag und Nacht geöffnet waren. Diese Kaufhäuser unterschieden sich von den bisherigen kleineren Geschäften dadurch, dass es plötzlich Betriebe mit sehr vielen Angestellten gab. Viele Beschäftigte in einem Betrieb, das bedeutete eine Stärkung der Gewerkschaften auch im Handel.

Die Kämpfe zielten natürlich nicht nur auf den arbeitsfreien Sonntag, sondern auch für mehr Freizeit am Sonnabend. In Großbritannien kämpften die Industriearbeiter Anfang des 20. Jahrhunderts um den Sonnabend Frühschluss. Damit war der Sonnabend am Nachmittag frei. Dadurch gab es für die Arbeiter die Möglichkeit gemeinsamer Freizeitgestaltung (z.B. Besuch eines Fußballspiels).

Es ist also kein Zufall, dass Fußballspiele seit etwas mehr als 100 Jahren samstags immer um 15:00 Uhr so in England oder um 15:30 Uhr so in Deutschland beginnen. Diese Anstoßzeiten im Fußball sind direktes Ergebnis der Erfolge der Arbeiterbewegung. Ohne die Arbeitszeitverkürzung am Wochenende gäbe es diese Zeiten nicht.